Die ewige Ruhe

Zu Beginn dieses Artikels möchte ich vorausschicken: Ich bin weder morbid veranlagt noch habe ich vor, innerhalb der nächsten 70 Jahre zu sterben.

Seit wenigen Monaten wohne ich in der Nähe des Heidelberger Bergfriedhofs. In Ermangelung eines schönen Parks gehe ich dort hin und wieder spazieren, und dabei tanzen die Gedanken geradeso über die Grabsteine. Ich finde Friedhöfe unglaublich faszinierend und sie sagen enorm viel über eine Gesellschaft und deren Geschichte aus. Vor allem ältere Friedhöfe üben daher einen großen Reiz auf mich aus. Ich finde es super spannend, durch die Gräberreihen zu laufen, zu sehen, wer hier seine letzte Ruhe gefunden hat, wer wie verwandtschaftlich zu wem steht, wer in welchem Alter verstorben ist etc. Besonders auffällig in Heidelberg ( nur dort?!??) finde ich die große Zahl von Gefallenen. Immer wieder steht auf den Grabsteinen etwas wie „gefallen in Russland“ plus Datum oder aber das besondere Kreuz, dessen Namen ich nicht kenne, das aber signalisiert, dass jemand im Krieg gefallen ist. Viele dieser Gefallenen oder auch Vermissten waren sehr jung und Krieg bekommt so ein deutlicheres Gesicht…

Besonders beeindruckend finde ich die Familiengräber, wo ganze Generationen gemeinsam ruhen. Ich überlege mir dann immer, was das wohl für eine Familie war, was sie gemeinsam erlebt haben, ob sie glücklich waren. Ob ihre heute lebenden Nachfahren noch an sie denken, sich um die Gräber kümmern. Und so weiter. Dabei habe ich immer meine eigene Geschichte im Hinterkopf. Über die weiß ich nämlich erschreckend wenig. Ein Teil meiner Familie stammt aus Ungarn und hat dort mehrere hundert Jahre lang gelebt; erst nach dem 2. Weltkrieg wurden sie, die sogenannten Donauschwaben, nach Deutschland – in ihre ursprüngliche Heimat – vertrieben. Meine Mutter ist schon in Deutschland geboren, ihre vier Jahre ältere Schwester jedoch noch in Ungarn. Ich kann mich also tatsächlich als Viertelungarin bezeichnen und auf meine ungarischen Wurzeln, wenn sie auch nicht so ganz echt sind, bin ich schon ein bissl stolz. Trotzdem weiß ich viel zu wenig über meine Vorfahren, auch über die deutsche Seite. Was waren das für Menschen? Waren sie glücklich? Wo haben sie gelebt? Was für Berufe hatten sie? Haben sie sich irgendwann einmal Gedanken über ihre Nachfahren, ihre Urururenkelin, gemacht? Gab es schwarze Schafe in der Familie?

Ich finde diese Fragen unglaublich interessant, und bei jedem Friedhofsbesuch stell ich sie mir wieder und wieder. Nicht nur für meine Vorfahren, sondern auch für die, die dort auf dem Heidelberger Bergfriedhof – hoffentlich in Frieden – ruhen.

Ein etwas wirrer Artikel, der noch nicht ganz das ausdrückt, was ich denke. Aber dafür ist das Internet auch kein geeigneter Platz. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mich bald mit meiner Verwandschaft zusammen- und auseinanderzusetzen. Wer bin ich? Wo komme ich her? Und irgendwann, hoffentlich nicht allzu bald, muss auch ich mir die Frage stellen: Wie soll meine letzte Ruhe aussehen?

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gedanken.

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