„Das ganze Haus roch nach Anis!“

Gestern Abend hatte ich die, wie ich finde, große Ehre, den Schriftsteller und Erzähler Rafik Schami live zu erleben. Ein Erzähler, ja, das ist er wahrlich, der schmale Syrischdeutsche. Schon als ich reinkomme, läuft er mir über den Weg, grinst mich an, in seinen Augen lese ich „Schön, dass DU (genau DU!) da bist!“, er sagt „Hallo, guten Abend!“ *grinsgrins* und ich suche mir einen Platz in der schon gut gefüllten neuen Aula der Uni HD.

Die Neue Aula

An dieser Stelle muss ich anmerken, dass in der Neuen Aula BASTARDE gewütet haben!! Früher war die Aula alt-ehrwürdig, mit knarzendem Holzboden und Holzvertäfelung an den Wänden. Zugegeben, ein wenig dunkel. Aber kuschelig. Und jetzt? Ein steriler Raum mit dunklen Steinfließen und weißen Wänden. Völlig substanz- und charakterlos. Schade, da geht einiges verloren.

Aber der Raum ist gefüllt – als es losgeht, sogar bis auf den letzten Platz. Und es passen viiiiiele Leute in die Neue Aula. (eine alte Aula gibt es übrigens auch. Und die ist wirklich altehrwürdig und bleibt das hoffentlich auch! *böserseitenblickzudenbaubastarden*)

Der Araber an sich

Kurz nach acht geht es los, Rafik Schami betritt das Podest und beginnt zu erzählen. Und schon nach den ersten Sätzen hänge ich ihm gebannt an den Lippen . Und das, obwohl er „nur“ von seinen bisherigen Lesungs-Reisen erzählt. Das Publikum kichert, giggelt, lacht zwischendurch immer wieder. Schami weiß, wie er das Publikum in seinen Bann ziehen und für sich gewinnen kann. Nach der eher „trockenen“ Einleitung (wie gesagt, selbst die war schon ein Erlebnis!) begann er, zunächst über die arabische Welt zu erzählen. Wie ist „der Araber“ an sich so? Warum gibt es keine ausgeprägte Kunst in der arabischen Welt? Warum plappern die Araber so viel? Die „Kunst“ der Araber ist die Sprache – was Schami sehr bunt und plausibel und natürlich mit viel Witz und Augenzwinkern darstellt. Dann wird er kleinräumiger – Syrien. Natürlich kommt jetzt auch die aktuelle Situation mit Kämpfen gegen das Assad-Regime zur Sprache. Neben allen ernsten Untertönen schafft es Schami aber auch hier mit einem Augenzwinkern, dem Publikum einen Lacher zu entlocken.

„Facebook und das Internet“ spielten (spülten? Würden spielen?) eine große Rolle im „Arabischen Frühling“ – was mir bisher immer etwas übertrieben vorkam, wird mir durch Schami plausibel erzählt.

Erinnerungen

Dann – Damaskus. Vor inzwischen bereits vier Jahren war ich selbst dort, auf Chorreise, wir haben Mendelssohns „Paulus“ aufgeführt – quasi an Originalschauplätzen – und uns das Land mehr oder weniger intensiv angeschaut. An diesem Aufenthalt war nicht alles toll, doch insgesamt denke ich auch heute noch (vor allem heute!!) immer wieder einfach nur erstaunt „Boah!“ Womit habe ICH das verrdient, zu einem Zeitpunkt in diesem LAnd gewesen zu sein, zu dem es noch möglich war?

Besonders gern erinnere ich mich an die Geräusche und die Gerüche in Damaskus und überall im Land zurück. Auch sie waren nicht immer angenehm (oder was würdet Ihr sagen, wenn Euch ein nicht ganz stimmfester Muezzin morgens um halb fünf mit seinem trällernden Ruf weckt?), aber sie waren einfach so prägend! Wenn ich heute an Kardamom rieche, macht es *zack* und ich stehe in Gedanken wieder im Suq von Damaskus.

Das ganze Haus roch nach Anis!“

Gerüche spielen auch bei Schami eine Rolle, so erinnert er sich daran, dass es in seiner Straße immer unglaublich nach Anis roch – weil in den Häusern die Gewürze gelagert wurden und in seinem Haus lagerte eben Anis. Die Kinder um ihn herum beneideten ihn, denn es roch immer nach Bonbons. Aber der kleine Rafik fand das nicht so toll: „Es roch nach Bonbon zum Frühstück, Bonbon zum Mittagessen, Bonbon zum Abendessen…“ Wieder ein Lacher für Schami.

Er erzählt Geschichten aus seiner Kindheit, Legenden, die man in Syrien immer wieder hört, er erklärt die Entstehung von Sprichwörtern („Wir haben zusammen Scheich XY begraben!“ – leider weiß ich den Namen des Scheichs nicht mehr 😉 ), erzählt von seinen Eltern und seinen Großeltern, vor allem sein Großvater hat es ihm angetan. Seine Großeltern stammten aus Maalula, einem Dorf einige Kilometer nördlich von Damaskus – auch hier sind wir während meiner Syrienreise gewesen; einige Romane (naja, einer mindestens) Schamis spielen hier.

Während Schami also in der Aula der Uni Heidelberg steht und erzählt (die ganze Zeit ohne irgendein Manuskript; selbstverständlich LIEST er auch nicht.), entführt er mich und meine Mitzuhörer, jeden Einzelnen, in sein Heimatland, das er seit den 1970er Jahren nicht mehr betreten darf. Vielleicht kann ich mir alles ein bißchen besser als meine Mitzuhörer vorstellen, denn ich weiß ja, wie es in Damaskus, in Syrien aussieht, wie es riecht, wie es sich anhört. Aber meine Eindrücke stammen aus dem Jahr 2008. Schami erzählt von den 1950er Jahren, von seiner Kindheit in Damaskus. Trotzdem sind mir dieser Mann und seine Geschichten so nahe, wie ich es selten erlebt habe.

Als Schami mit seinen Erzählungen endet, brandet Applaus auf – völlig zu Recht. Ich war keine Sekunde lang gelangweilt. Ich hatte Spaß, obwohl nur meine Fantasie arbeiten musste. Ich habe einen wunderschönen Abend erlebt. Eigentlich wollte ich danach noch zu Rafik Schami gehen und ihm sagen, wie bezaubernd, im wahrsten Sinn des Wortes, ich den Abend fand. Aber ich habe mich nicht getraut – ich fürchtete, ich würde vor Rührung in Tränen ausbrechen.

Dann halt in diesem Internet: Danke, Rafik Schami! Sie wissen schon, wofür.

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Ein Kommentar zu “„Das ganze Haus roch nach Anis!“

  1. Kerstin sagt:

    Ich hab Rafik Schami auch schon mehrfach life erleben dürfen, immer wieder ein Erlebnis! Großartiger Geschichtenerzähler und zwischen den Zeilen kritisch…

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