Zweite Chance

Wenn ich noch einmal die Zeit zurückdrehen könnte bis zum Beginn meines Studiums, was würde ich ändern?

Ich würde auf jeden Fall wieder Geographie studieren. Ich würde mit Feuereifer alles lernen und lesen, was mir in die Finger kommt. Ich würde Kurse und Vorlesungen aus anderen Fächern belegen. Ich würde mir spannende Nebenfächer suchen und diese ernsthaft studieren. Ich würde mir vorher überlegen, was das Ziel meines Studiums ist, wo ich danach hinwill und dementsprechende Fächerkombinationen / Seminare besuchen. Ich würde mir als Hiwi an der Uni den A… aufreißen und möglichst viel von dem einsaugen, was mein Prof/Dozent sagt und macht. Ich würde tolle, zielführende (s.o.) Praktika absolvieren, mich für die Unternehmen unentbehrlich machen und bis nach dem Ende meines Studiums und darüber hinaus den Kontakt halten. Ich würde ein Jahr ins Ausland gehen. Ich würde GIS-Kurse bis zum Umfallen und Wirtschaftskurse bis zum Einschlafen besuchen. Ich würde Exkursionen nach Asien, Afrika, Amerika, Australien machen. Ich würde nebenher in einem meinem Studium verwandten Bereich arbeiten.

Dann hätte ich jetzt vielleicht eine Chance auf dem Arbeitsmarkt.

Ich habe Geographie studiert, weil ich mir kein spannenderes, tolles Fach vorstellen kann – und ich bereue es keinesfalls! Die Vorlesungen und Seminare haben mir (fast) durchweg Spaß gemacht und genau das würe ich jederzeit wiederholen wollen. Ein Studium ist dazu da, Spaß an einem Fach zu finden/haben und etwas zu studieren (studieren auch im Sinne von lesen, lernen, kennenlernen), womit man sich auch in seiner Freizeit gerne beschäftigt. Aber ein Studium ist eben auch harte Arbeit und besteht nicht nur aus Vorlesungen, zuhören, Arbeiten schreiben und sich über sein Studienfach freuen. Sondern es besteht auch darin, Kontakte zu knüpfen, sich ins Gespräch zu bringen, Schwerpunkte zu setzen, Berufserfahrung „soft“ zu sammeln.

Das scheine ich verpasst zu haben.

Ich habe mich nie drum geschert, was nach dem Studium sein wird. Mir war es wichtig, viele Geographiethemen mitzunehmen, und ich habe mich in dem Glauben gewogen, dass ich mit meinem ehrenamtlichen Engagement, bei dem ich Personalverantwortung hatte, Projekte gemanagt, Konzepte entwickelt und Veranstaltungen organisiert habe, mit Kusshand genommen werde, egal, wo ich mich bewerbe. Ich war nicht im Ausland. Ich hielt mich bei den Pfadfindern für zu unentbehrlich und, tja, ich muss es einfach so sagen: ich war zu bequem, um das Abenteuer zu wagen. Ich war für und mit den Pfadfindern im Ausland: Eine Woche Krakau, ZHP-Jubiläumslager, wo ich mit meinen zwei Vorstandskollegen die Verbandsfreundschaft gepflegt und unseren Verband repräsentiert habe und ich war zwei Wochen in Südafrika, wo ich auch den Verband, diesmal sogar den Bundesverband, mit repräsentiert und die Jahresaktion 2011 in Schwung gebracht habe (Our world – our challenge. Cooler Name für ne Aktion, oder? War meine Idee.). Wir haben dort mit den südafrikanischen Pfadfindern zusammengearbeitet, haben gekontaktet und in verschiedenen Workshops überlegt, wie die Aktion in Deutschland und in Südafrika und gemeinsam aussehen kann.
Selbst die legendäre „große Exkursion“, DAS Highlight eines jeden Geographiestudiums, fiel für mich, u.a. aus finanziellen Gründen, nur mittelgroß aus: zwei Wochen Alpenvorland, Schweizer Mittelland, Jura. Während die Kommilitonen sich an den exotischsten Orten rumtreiben. Keine Frage, die Exkursion war spitze, vor allem für mich Bergliebhaberin. Aber sie war eben „nichts besonderes“.
Ich habe während meines Studiums drei Praktika absolviert, davon nur eines, was am ehesten in meinen Geographiebereich passt. Eines auch im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Im Personalreferat. Auch das kann man sich schönreden. Ne coole Zeit war das auf jeden Fall und ich hab viel mitgenommen. Leider nichts, was meine heutigen potentiellen Arbeitgeber beeindruckt. Ich war zwei Jahre lang Hiwi – war dabei aber, im Nachhinein gesehen, zu passiv. Ich hab nur irgendwelche Dinge organisiert, Veranstaltungen, Exkursionen, und habe für die Habilitation meines Dozenten Literatur zusammengesammelt. Ich habe die Kontakte in den Unibetrieb, die dadurch entstanden, nicht weiter genutzt. Der Dozent, den ich bei seiner Habilitation unterstützt habe, wurde Professor in Jena. Vor wenigen Tagen hab ich erfahren, dass er gestorben ist. Mit 41 Jahren. Anderes Thema.
Ich hab nur die Seminare besucht, die ich musste und an denen ich Spaß hatte. Mit inhaltlich geringem Einsatz bin ich durch mein Studium geschlittert, ohne richtig viel davon mitzunehmen. Ich habe erst nach Abgabe meiner Diplomarbeit angefangen,  nach einer Stelle zu suchen, weil ich mich auf meine Diplomarbeit konzentrieren wollte. Ich hätte nicht gedacht, dass ich auch ein Jahr später noch auf der Suche sein würde. So arrogant war ich.

Liebe Studenten von heute. Lasst es Euch JETZT, zu Beginn eures Studiums gesagt sein: Ihr studiert nicht zum Spaß. Macht was draus.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gedanken.

Ein Kommentar zu “Zweite Chance

  1. Kerstin Fuchs sagt:

    Auch wenn es Dir wahrscheinlich nicht weiterhilft – toller und sehr persönlicher Blogartikel!
    Danke dafür!

    Ganz liebe Grüße!
    Kerstin

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