Links Blase, rechts Knie oder: „Du musst wandern!“

Die letzten zwei Tage war ich unterwegs auf dem „schönsten Wanderweg der Welt“, wie der Godfather of the Lieserpfad, Manuel Andrack, gerne betont. Bewaffnet mit seinem Buch und ausreichend Proviant, um zwei Wandertage in der Wildnis zu überleben, habe ich mich am Donnerstag frühmorgens aufgemacht in Richtung Manderscheid, um dort den Bus nach Daun um 9.10 Uhr zu kriegen. Bereits die Fahrt dorthin war ein Erlebnis, mangels Zeit konnte ich leider nicht anhalten, um ein Foto der Eifel mit aufsteigendem Morgennebel zu machen. Aber ich hab viele andere Bilder gemacht, siehe Bildergalerie.

Der Lieserpfad führt von Daun (Ich bin am Gemünder Maar eingestiegen) über Manderscheid nach Wittlich, die Gesamtlänge beträgt rund 40 Kilometer – eine genaue Länge kann ich leider aus mehreren Gründen nicht bieten. Ich habe zwar den Smartrunner mitlaufen lassen, aber inmitten der tiefsten Eifel gab es zwischendurch kein GPS-Signal (gottseidank!), deshalb hat meine Strecke Lücken und die Nachbearbeitung würde Geld kosten, das ich nicht bereit bin auszugeben… Naja und die Angaben in der (Online-)Literatur über die Länge des Lieserpfades schwanken stark… Google, mein Freund und Helfer, sagt 39 Kilometer insgesamt.

Der Lieserpfad

Der Lieserpfad

Tag 1 von Daun nach Manderscheid, waren ca. 15 Kilometer. Ich bin mit dem Bus von Manderscheid bis zum Gemünder Maar gefahren, wo ich mir erstmal einen Kaffee genehmigt habe, um den Wandererscharen auszuweichen, was mir an diesem Tag erstaunlich gut gelang. Richtig los ging es also gegen 10 Uhr, angekommen in Manderscheid bin ich gegen 15 Uhr, wobei ich mir unterwegs viel Zeit gelassen habe. Ich habe nur sehr wenig Menschen getroffen, wobei ein Pärchen, das ich am zweiten Tag traf, meinte, sie wären die entgegengesetzte Richtung (Manderscheid – Daun) gelaufen und ihnen wären ständig Leute entgegen gekommen, die wohl alle meinten, sie wären alleine auf der Strecke… Egal, ich hatte meine Ruhe und genoss eben diese. Wenige breite Forstwege wurden abgelöst von schmalen Trampelpfaden, Brückchen führten über die Lieser und es gab unterwegs nur eine Einkehrmöglichkeit, die ich aber mangels Bedarf nicht nutzte. Störend waren an diesem Tag nur zwei Dinge: Das laute Wummern eines Steinbruchs am Anfang des Weges und die Düsenjäger, die die Eifel als Übungsgebiet nutzen. Ansonsten ist der Weg sehr idyllisch, naturbelassen, ohne viel Schickimicki, genau richtig.

In Manderscheid angekommen, flüchtete ich mit dem Auto vom verschlafenen Nest durch wunderschöne Eifellandschaften in die pulsierende Metropole Wittlich, wo gerade für das Stadtfest aufgebaut wurde. Ich trödelte durch die Straßen, aß lecker zu Abend und bettete mich im Auto, wo ich nicht allzu gut schlief…

An Tag 2 fuhr ich um 8.42 Uhr mit dem Bus wieder nach Manderscheid, wo ich um 9.15 Uhr die zweite, deutlich längere und anstrengendere Etappe in Angriff nahm. Die Vorzeichen waren eher bescheiden: Mein rechtes Knie zwickte und am linken Fuß spürte ich eine Druckstelle aka WennichgroßbinwerdeicheineBlase, welche ich mit Pflastern zu verhindern versuchte. Mit mir starteten wieder zahlreiche andere Wanderer, denen ich erneut ausweichen wollte. Da aber heute eine große Strecke zu bewältigen war, wollte ich nicht trödeln – und legte einen Zahn zu. Schon bald ließ ich die anderen Wanderer hinter mir und ich konnte einigermaßen in Ruhe weiterlaufen.

An dieser Stelle muss ich sagen: Ich habe natürlich nichts gegen andere Wanderer. Aber manchmal bin ich gern allein und hänge meinen Gedanken nach. Die meisten Wanderer wollen sich kurz unterhalten, wenn sie Leidensgenossen begegnen, ich will aber lieber meine Ruhe haben. Deswegen habe ich versucht, möglichst allen aus dem Weg zu gehen. Das funktionierte aber auf der zweiten Etappe nicht wirklich gut.

Mit zusammengebissenen Zähnen wegen Blase und Knie wanderte ich bergauf und bergab und an einem besonders steilen Aufstieg warf ich alle meine Vorsätze, niemals mit Wanderstöcken zu wandern, über Bord und schnappte mir einen schönen Ast vom Wegesrand, den ich von nun an meinen Wanderstock nennen durfte. Ich war verdammt froh, ihn zu haben, denn meine Blase wurde immer hartnäckiger und ich hatte richtige Schmerzen. Irgendwann hatte ich mich aber eingegroovt und ich konnte die Schmerzen mehr oder weniger erfolgreich ignorieren, wenn ich den Lauf nicht unterbrach.

Die zweite Etappe war wesentlich hügeliger als die erste und bot aber auch großartige Aussichten. Während ich am Tag 1 mehrere kleine Abstecher zu irgendwelchen Sehenswürdigkeiten machte, verkniff ich mir das am zweiten Tag, bis auf eine Ausnahme: Den Burgberg, wo sich auf der Spitze eine Schutzhütte und eine „Panoramaplattform“ befand. Und das Panorama war wirklich sehenswert! Hier machte ich bereits meine Mittagspause um kurz vor zwölf.

Mit Stock und ohne Hut ging es weiter, bis es irgendwann nicht mehr weiter ging. Der Weg war einfach so wegen Holzfällarbeiten gesperrt. Betreten verboten, Lebensgefahr. Doll, da stand ich nun, mitten in der Eifel, ohne Wanderkarte, denn ich hatte mich bisher immer auf die recht gute Beschilderung verlassen. Es war auch kein Hinweis auf eine Umleitung oder eine Alternativroute gegeben. Spitze. Da stand ich nun, mit Schmerzen am Fuß, auf meinen Wanderstock gestützt, 2,7 Kilometer vor der Alten Pleiner Mühle, wo ich mir ein kühles alkoholfreies Hefeweizen erhofft hatte, und konnte nicht weiter. Ihr könnt Euch meine Verzweiflung vorstellen.

Da kam das bereits angesprochene Pärchen des Wegs, befragte zwei niederländische Radfahrer, und gemeinsam (ohne die Radfahrer) wagten wir es, den lebensbedrohlichen Holzfällweg zu gehen. In dem Moment war ich froh um die unerwartete Gesellschaft, und uns fröhlich unterhaltend gingen wir schnurstracks den ursprünglichen Weg entlang. Wir kamen auch an den Holzfällarbeiten vorbei (man roch das frischgeschlagene Holz schon hunderte Meter vorher!), wo gerade ein Päusle angesagt war. Froh, dass wir uns nicht von der Beschilderung haben irritieren lassen, kamen wir an der Pleiner Mühle an, genossen das bereits seit Beginn der Wanderung erwartete Bierchen und die beiden zogen alleine weiter, weil sie einen frühen Bus in Wittlich bekommen wollten. Ich blieb noch ein wenig sitzen, bekam dann aber auch Hummeln im Hintern. In Wahrheit hatte ich einfach Schiss, nie wieder von meinem Stuhl hochzukommen.

Die letzten 5 Kilometer bis Wittlich waren zwar schön, aber auch etwas unspektakulär und vor allem, meine Güte, unglaublich anstrengend! Der Weg ging zwar flach, aber er zooooog sich in die Länge. Besonders schlimm waren die letzten zwei Kilometer, bis ich endlich in Wittlich angekommen war. Mit tatsächlich letzter Kraft schleppte ich mich, auf meinen treuen Begleiter Wanderstock gestützt, in die Stadt, in der Hoffnung, meine Füße in die Lieser stecken zu können. Daraus wurde leider nichts, weil die Lieser gerade extremes Niedrigwasser hatte und ich deswegen medaillenverdächtige Verrenkungen hätte machen müssen, aber ich war trotzdem froh, als ich endlich um 17.30 Uhr vor meinem wohlverdienten Eisbecher saß (von dem mir nachher schlecht wurde. Doll.).

Nach einer längeren Pause machte ich mich mit dem Auto auf den Heimweg, wo sich mir in letzter Minute noch ein Hindernis in den Weg stellte (Kreuzungssperrung). Um 21.20 Uhr war ich dann endlich zu Hause.

Fazit: Manuel Andrack könnte recht haben: Der Lieserpfad gehört zu den schönsten Wanderwegen der Welt. Warum? Die Wege sind total abwechslungsreich. Eben noch ein dicker Forstweg, jetzt schon ein kleiner Trampelpfad. Mal schnöde nach vorne (nur sehr kurze Abschnitte), dann wieder gings rechts den Felsen hoch, links den Felsen runter und dazwischen  ein zwanzig Zentimeter breites Pfädchen. Der Weg ist nicht „übermarketingiert“, wie ich es beim Rothaarsteig empfinde (den ich btw noch nie gelaufen bin…), sondern angenehm dezent vermarktet. Gut ausgeschildert, bis auf wenige kleine Ausnahmen. Busverbindungen sind okay, er fährt halt nur alle zwei Stunden. Und der Weg führt nicht an zu vielen Einkehrmöglichkeiten vorbei. Auch die Orte sind eine gute Strecke entfernt. Das Naturerlebnis ist 1a, die Lieser plätschert fröhlich mal direkt neben dem Weg, mal 150 Meter weiter unten. Bis auf den Zwischenfall mit den Holzfällern würde ich sagen: Perfekt! Und super, alleine zu erwandern. Aber eine Frage hab ich, lieber Manuel Andrack: Du willst diesen Weg ernsthaft an einem Tag laufen? Respekt!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s