Gekommen, um zu bleiben

Was grade in vielen Ländern und Regionen der welt abgeht, ist unfassbar. Krieg, Terror, Unterdrückung. Millionen Menschen müssen fliehen, müssen ihre Heimat, ihre Freunde und Familien, ihr Hab und Gut verlassen und irgendwo neu anfangen – ohne zu wissen wo und wie und mit wem. Mensch, wenn „man“ doch nur helfen könnte!

Eines Abends, es ist jetzt schon ein paar Wochen her, erhielten wir einen Anruf von einem Kollegen des Bubs. „Hilfe, wir suchen eine Unterkunft für ein iranisches Flüchtlingsehepaar, um die 35 Jahre alt, ab morgen für eine Woche. Die Stadt Düsseldorf kann sie erst dann in eine Flüchtlingsunterkunft aufnehmen – bis dahin stehen sie auf der Straße! Kennt Ihr nicht wen, der jemanden kennt, der die beiden aufnehmen könnte?“

Da begann es zu rattern. Auf der Telefonrechnung, aber vielmehr noch in unseren Hirnen. Eigentlich müssen wir die ja aufnehmen. Wir haben ein extra Gästebett und ein Sofa. Wir haben Platz. Wir sind beide Pfadfinder und Christen. Und es ist für uns selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen.

Ist es das?

Wir haben danach sehr intensive 24 Stunden erlebt. Wir haben beide rumtelefoniert, Kontakte zu Pfadfindern, Grünen, Freunden, Bekannten, Verwandten aufleben lassen, haben versucht, eine Unterkunft zu finden. Eine Woche. Sieben Nächte. Ein Flüchtlingsehepaar, das sogar Englisch spricht. Wir haben so viel, die haben momentan nichts. Sie sind auf unsere Hilfe angewiesen. Uns geht es so gut. wir haben zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf, eine warme Decke, einen Job, ein soziales Netzwerk. Davon müssen wir doch was teilen können!

Immer wieder sagten wir uns: Wir müssten es tun! Eigentlich! Aber… Wir sind gerade am Umbauen. Wir bekommen in nächster Zeit viel Besuch. Ich bin hochschwanger. Was sagt wohl unsere Vermieterin dazu?

So viele Abers.

Wenn es nicht um Flüchtlinge, sondern um Freunde von uns gehen würde, die wegen eines Wasserrrohrbruchs Obdach brauchen – würden wir es tun? Wir hatten beide wirklich sehr viel Bauchgrummeln und wir haben uns reingehängt in die Suche. Viele haben uns rückgemeldet, dass sie, wenn noch einmal so eine Anfrage käme, sie gerne bereit wären, jemanden aufzunehmen, aber jetzt gerade… passt es irgendwie nicht, ist zu spontan, mmmmh, oooh, neeee, … [Ich möchte an dieser Stelle wirklich niemanden „verurteilen“ – wir hatten alle sehr ähnliche Argumente und in jedem von uns, da bin ich mir sicher, hat diese „Sache“ gebrodelt…]

Wie würdest DU entscheiden? Wenn ich Dich heute anriefe und fragen würde, ob Du für eine Woche ein iranisches Flüchtlingsehepaar aufnehmen könntest? Ganz ehrlich??

Wir haben uns letztendlich dagegen entschieden. Wir haben gesagt, dass unsere momentane Situation nicht dazu geeignet ist, eine Woche lang jemanden aufzunehmen. Mir war nicht wohl bei diesem Standpunkt. Aber. Ach, da ist schon wieder ein Aber.

Als am nächsten Abend die „Entwarnung“ kam, dass eine Unterkunft gefunden wurde, haben wir sehr laut aufgeatmet und beschlossen, dass wir unser Gästebett ab sofort immer bezogen lassen für spontanen Besuch. Sei es durch Freunde oder durch Flüchtlinge. Denn „man“ sollte doch helfen.

PS: Wir wissen nicht genau, wo die Beiden letztendlich untergekommen sind. Über einen Pfadfinderkontakt konnte ein momentan leer stehendes WG-Zimmer aufgetan werden, gleichzeitig gab es wohl doch noch eine Flüchtlingsunterkunft, wo noch zwei Plätze frei waren. Wo die Beiden gelandet sind, wissen wir nicht. Aber ich schäme mich trotzdem, dass wir alle so viele Abers vorzubringen hatten. Aber aber aber.

PS2: Auf Grund unserer Umbauarbeiten von Arbeits- und Kinderzimmer ist das Gästebett noch immer nicht bezogen…

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