Versagensängste

Er schreit. Sein Kopf schwillt an. Die Nasenflügel beben. Die Tränen spritzen. Der Körper verkrampft sich. Die Stimme überschlägt sich.

Ein normaler Nachmittag im Leben meines Sohnes. Meines vier Monate alten Sohnes. Meistens hat er keine Lust, tagsüber zu schlafen bzw. kann dies nur mit viel Hilfe (Tragetuch, Kinderwagen, Auto fahren). Von wegen einfach ins Bett legen und abwarten. Das kann ich leider nicht, denn dann zerbricht mein Herz.

Obwohl der Zwerg erst so kurz auf der Welt ist, nagen schon Zweifel an mir. Mach ich auch alles richtig? Erziehe ich ihn zu früh? Zu spät? Gut? Gar nicht? Tut ihm irgendwas weh? Muss er jetzt pupsen, weil ich vorhin eine Scheibe Vollkornbrot gegessen habe? Kann er nicht schlafen, weil ich heute zwei Tassen Kaffee getrunken habe? Kriegt er genug Schlaf? Müsste er nicht eigentlich mehr schlafen? Weniger? Müsste er nicht schon selbst einschlafen können? Sollte er wirklich noch in unserem Schlafzimmer schlafen? Kriegt er schon Zähne?

Das Leben mit Kind wirft täglich eine Zilliarde neuer Fragen auf. Und von wegen, ein Kind stärkt Dein Selbstbewusstsein. Meines hat ziemlich gelitten. Der Kinderwagen nimmt in der Bahn so viel Platz weg. Das Kind schreit so laut. Ich komme beim Arzt schneller dran, weil ich ja ein Kleinkind dabei habe. Wie, Du gehst schon wieder arbeiten? Das ist dem Zwerg doch bestimmt zu viel. Ihr seid ja ständig unterwegs. So viel Trubel kann der nicht gut abhaben, kein Wunder schreit der. Wir sehen Euch so selten. Warum hat er denn keine Mütze auf, er kriegt doch eine Ohrenentzündung! Das Kind hat Hunger! Muss rülpsen! Pupsen! Ist müde! Zu kalt! Zu warm!

So viele Meinungen prasseln täglich auf mich ein. Und immer wieder habe ich Angst davor, zu versagen. Es nicht allen recht machen zu können. Und immer wieder muss ich mir sagen: ich muss es nicht allen Recht machen. Ich will es gar nicht allen recht machen. Denn in meinem Leben geht es darum, dass es mir gut geht und – inzwischen auch – dass es meinem Sohn gutgeht, denn neben seinem Vater bin ich die wichtigste Person in seinem Leben und ICH weiß am Besten, was ihm gerade fehlt. Wenn er dann irgendwann mal sprechen kann, hoffe ich, dass er sich gegenüber anderen Meinungen gut abgrenzen kann. Und ich hoffe, dass er eines Tages sagt: „Meine Mutter wusste immer, was gut für mich ist. Danke!“ Und wenn er das mal nicht sagt, sein Blick und seine Liebe reichen mir.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Gedanken.

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