Die Blase

Zwei Einträge pro Jahr sind ein bissl wenig, um so einen Blog attraktiv zu machen, oder? Na, vielleicht wird sich das ja demnächst mal ändern. Jedenfalls möchte ich mich heute wieder zu einem brandaktuellen Thema äußern: Flüchtlinge in Deutschland. Das Thema geht mir eigentlich schon auf die Nerven – aber genau da geht es ja schon los: Es darf mir nicht auf die Nerven gehen! Und das Leid, die Verzweiflung tausender Menschen als „Thema“ zu bezeichnen, beschämt mich auch schon wieder.

Ich komme aus dem Schämen gar nicht mehr raus. Ich gehöre zu den Menschen, die den Zeigefinger erheben und sagen „Macht doch mal! Spendet! Helft mit! Es ist so einfach!“ Tja. Und was hab ich bisher getan? Ich habe Status- und Suchmeldungen bei Facebook geteilt und einen Blogbeitrag zu unserer Unterkunftssuche im vergangenen Jahr geschrieben. Wie erbärmlich!! Immerhin sammel ich gerade Klamotten und Decken und so Kram, den ich dann vielleicht irgendwann mal, sofern ich mich dazu bequemen kann, in einer Sammelstelle abgebe. Lächerlich, ja geradezu beschämend.

Doch zum Übermichselbstschämen kommt noch das Fremdschämen hinzu. Ich frage mich: Lebe ich in einer Blase?

Fast jeden Tag finde ich in meiner Timeline ein Bild, ein Filmchen oder einen Bericht über Fremdenfeinde, Menschen, die Angst vor Flüchtlingen haben, weil sie ja das Straßenbild verändern könnten, Kriminalität steigt an, und überhaupt, überall nur noch Kopftücher! Die Beiträge dieser Menschen sind meist durch geringe Intelligenz (oder ist es die fehlende Bildung?), viele Rechtschreibfehler undoder konsequente GROSS- bzw kleinschreibung gekennzeichnet und so fällt es mir nicht schwer, abfällig über diese Beiträge zu sprechen oder gar darüber zu lachen, auch wenn mir nur allzu häufig das Lachen im Hals stecken bleibt. Doch die Stimmen, die eine konsequentere Abschiebung fordern, die einen Aufnahmestopp erschreien, die den Ausländerhass in Deutschland schüren, scheinen immer mehr zu werden – oder sie bekommen jetzt die Plattform für ihre Meinungen. Ich finde das extrem erschreckend und abstoßend.

Und wieder frage ich mich: Lebe ich in einer Blase? In meiner Facebooktimeline tauchen solche Kommentare/Forderungen/Beiträge nicht auf. Ich kenne niemanden, bei dem ich vermuten würde, dass er so weit rechts steht (denn das ist es für mich, was diese Menschen von sich geben: Rechtes Gedankengut. Deutschland den Deutschen.). Ich kann mir bei niemandem aus meinem Bekanntenkreis vorstellen, dass er oder sie auf der Straße rechte Parolen schreit oder sich darüber (ob öffentlich oder privat) mokiert, dass Flüchtlinge Handys besitzen. Und trotzdem werden diese Anschauungen immer mehr.

Sind es immer nur „die Anderen“, die sowas von sich geben? Oder schau ich nicht genau genug hin? Oder bin ich , was meinen Bekanntenkreis angeht, zu festgefahren?

Was ich in dieser ganzen Debatte am Wichtigsten finde ist: Flüchtlinge sind nicht nur Flüchtlinge. In erster Linie sind sie Menschen. Wie Du und ich. Menschen mit Gefühlen und Rechten (Haha! Menschenrechte!!), mit Bedürfnissen, Scham und Freude. Mit Stolz und Angst. Es sind Söhne und Töchter, Mütter, Cousins, Beamte, Krankenschwestern, Maurer, Große, Kleine, Dicke, Dünne.

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Gekommen, um zu bleiben

Was grade in vielen Ländern und Regionen der welt abgeht, ist unfassbar. Krieg, Terror, Unterdrückung. Millionen Menschen müssen fliehen, müssen ihre Heimat, ihre Freunde und Familien, ihr Hab und Gut verlassen und irgendwo neu anfangen – ohne zu wissen wo und wie und mit wem. Mensch, wenn „man“ doch nur helfen könnte!

Eines Abends, es ist jetzt schon ein paar Wochen her, erhielten wir einen Anruf von einem Kollegen des Bubs. „Hilfe, wir suchen eine Unterkunft für ein iranisches Flüchtlingsehepaar, um die 35 Jahre alt, ab morgen für eine Woche. Die Stadt Düsseldorf kann sie erst dann in eine Flüchtlingsunterkunft aufnehmen – bis dahin stehen sie auf der Straße! Kennt Ihr nicht wen, der jemanden kennt, der die beiden aufnehmen könnte?“

Da begann es zu rattern. Auf der Telefonrechnung, aber vielmehr noch in unseren Hirnen. Eigentlich müssen wir die ja aufnehmen. Wir haben ein extra Gästebett und ein Sofa. Wir haben Platz. Wir sind beide Pfadfinder und Christen. Und es ist für uns selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen.

Ist es das?

Wir haben danach sehr intensive 24 Stunden erlebt. Wir haben beide rumtelefoniert, Kontakte zu Pfadfindern, Grünen, Freunden, Bekannten, Verwandten aufleben lassen, haben versucht, eine Unterkunft zu finden. Eine Woche. Sieben Nächte. Ein Flüchtlingsehepaar, das sogar Englisch spricht. Wir haben so viel, die haben momentan nichts. Sie sind auf unsere Hilfe angewiesen. Uns geht es so gut. wir haben zu essen, zu trinken, ein Dach über dem Kopf, eine warme Decke, einen Job, ein soziales Netzwerk. Davon müssen wir doch was teilen können!

Immer wieder sagten wir uns: Wir müssten es tun! Eigentlich! Aber… Wir sind gerade am Umbauen. Wir bekommen in nächster Zeit viel Besuch. Ich bin hochschwanger. Was sagt wohl unsere Vermieterin dazu?

So viele Abers.

Wenn es nicht um Flüchtlinge, sondern um Freunde von uns gehen würde, die wegen eines Wasserrrohrbruchs Obdach brauchen – würden wir es tun? Wir hatten beide wirklich sehr viel Bauchgrummeln und wir haben uns reingehängt in die Suche. Viele haben uns rückgemeldet, dass sie, wenn noch einmal so eine Anfrage käme, sie gerne bereit wären, jemanden aufzunehmen, aber jetzt gerade… passt es irgendwie nicht, ist zu spontan, mmmmh, oooh, neeee, … [Ich möchte an dieser Stelle wirklich niemanden „verurteilen“ – wir hatten alle sehr ähnliche Argumente und in jedem von uns, da bin ich mir sicher, hat diese „Sache“ gebrodelt…]

Wie würdest DU entscheiden? Wenn ich Dich heute anriefe und fragen würde, ob Du für eine Woche ein iranisches Flüchtlingsehepaar aufnehmen könntest? Ganz ehrlich??

Wir haben uns letztendlich dagegen entschieden. Wir haben gesagt, dass unsere momentane Situation nicht dazu geeignet ist, eine Woche lang jemanden aufzunehmen. Mir war nicht wohl bei diesem Standpunkt. Aber. Ach, da ist schon wieder ein Aber.

Als am nächsten Abend die „Entwarnung“ kam, dass eine Unterkunft gefunden wurde, haben wir sehr laut aufgeatmet und beschlossen, dass wir unser Gästebett ab sofort immer bezogen lassen für spontanen Besuch. Sei es durch Freunde oder durch Flüchtlinge. Denn „man“ sollte doch helfen.

PS: Wir wissen nicht genau, wo die Beiden letztendlich untergekommen sind. Über einen Pfadfinderkontakt konnte ein momentan leer stehendes WG-Zimmer aufgetan werden, gleichzeitig gab es wohl doch noch eine Flüchtlingsunterkunft, wo noch zwei Plätze frei waren. Wo die Beiden gelandet sind, wissen wir nicht. Aber ich schäme mich trotzdem, dass wir alle so viele Abers vorzubringen hatten. Aber aber aber.

PS2: Auf Grund unserer Umbauarbeiten von Arbeits- und Kinderzimmer ist das Gästebett noch immer nicht bezogen…

Hunderttausend und wir…!

Vor vier Jahren, im Mai 2009, schallte dieses Lied – „Hunderttausend und wir“ – durch Südwestdeutschland. Es war das Aktionslied der „72 Stunden-Aktion“, welche damals bereits zum dritten Mal stattfand. Auch in diesem Jahr, von 13. bis 16. Juni, fand die 72 Stunden-Aktion statt. Diesmal unter dem Motto „Uns schickt der Himmel“ (was auch schonmal eine Art Teilmotto war), was ich persönlich ja etwas… äääh… naja, nicht so geschickt finde. Allerdings passt es zur Aktion: 72 Stunden lang werkeln, basteln, schuften, denken Jugendliche, Kinder, junge Erwachsene und ältere Erwachsene, um „die Welt ein bißchen besser zu machen“. Sie bekommen am Donnerstag abend um 17.07 Uhr ein Projekt (bzw. haben sich selbst eines ausgesucht) und haben dann 72 Stunden lang Zeit, dieses Projekt zu verwirklichen. Beispiele: Den Garten eines Kindergartens neu herrichten. Ein Spielefest für ein Altersheim veranstalten. Einen Kräutergarten in einem Kinderheim errichten. Ein Übergangsheim renovieren und ein Fest mit den Bewohnern zu gestalten. Und noch viele, viele Projekte mehr. Über 4000 bundesweit, um genau zu sein. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) mobilisierte mit dieser Aktion rund 175.000 Kinder und Jugendliche, die – dieses Jahr zum ersten Mal – bundesweit an der Sozialaktion teilnahmen.

Meine Helden der Woche: Alle, die sich irgendwie an dieser Aktion beteiligt haben.

Für mich persönlich ist die Aktion inzwischen etwas ausgelutscht und sie wird m.E. auch nicht besser. Aber die Teilnehmenden hatten ihren Spaß (größtenteils), haben die Projekte gestemmt (größtenteils) und sind stolz auf sich und ihre Gruppe (alle). Die Wirkung in der Öffentlichkeit ist natürlich unschlagbar. Zahlreiche PolitikerInnen haben Grußworte hinterlassen (u.a. auch Peer Steinbrück, der versucht hat, in seinem Grußwort Wahlwerbung für die SPD zu machen…), Projekte besucht und unterstützt oder sonst irgendwie Kenntnis genommen von der Aktion. Eltern wurden mobilisiert. Unternehmen wurden nach Spenden gefragt. Radiosender und Zeitungen berichteten (mehr oder weniger ausführlich). Etc. Die Aktion wurde durchweg positiv aufgenommen.

Moment. Durchweg? Ach nee, in Odenthal nicht. Aber das könnt Ihr beim BDKJ direkt nachlesen.

Beim letzten Mal hatte ich viel Spaß bei DL on Tour, damals (jaja, daaaamaaals!) war ich noch Diözesanvorsitzende, und „Kevin“, unser Remake vom Blair Witch Project, LEGENDÄR, wurde geboren. Hach, was hatte ich damals für einen Spaß! In diesem Jahr war ich fast die ganze Zeit alleine unterwegs und hab eher „unspektakuläre“ Projekte besucht. Aber 2009 ist auch einfach nicht zu schlagen. Da konnten wir frei raus brüllen: „Hunderttausend und wir!!!“

Das diesjährige Aktionslied war übrigens scheiße.

Uns schickt der Himmel - das Aktionslogo der 72 Stunden-Aktion 2013

Uns schickt der Himmel –
das Aktionslogo der 72 Stunden-Aktion 2013

 

 

„Das ganze Haus roch nach Anis!“

Gestern Abend hatte ich die, wie ich finde, große Ehre, den Schriftsteller und Erzähler Rafik Schami live zu erleben. Ein Erzähler, ja, das ist er wahrlich, der schmale Syrischdeutsche. Schon als ich reinkomme, läuft er mir über den Weg, grinst mich an, in seinen Augen lese ich „Schön, dass DU (genau DU!) da bist!“, er sagt „Hallo, guten Abend!“ *grinsgrins* und ich suche mir einen Platz in der schon gut gefüllten neuen Aula der Uni HD.

Die Neue Aula

An dieser Stelle muss ich anmerken, dass in der Neuen Aula BASTARDE gewütet haben!! Früher war die Aula alt-ehrwürdig, mit knarzendem Holzboden und Holzvertäfelung an den Wänden. Zugegeben, ein wenig dunkel. Aber kuschelig. Und jetzt? Ein steriler Raum mit dunklen Steinfließen und weißen Wänden. Völlig substanz- und charakterlos. Schade, da geht einiges verloren.

Aber der Raum ist gefüllt – als es losgeht, sogar bis auf den letzten Platz. Und es passen viiiiiele Leute in die Neue Aula. (eine alte Aula gibt es übrigens auch. Und die ist wirklich altehrwürdig und bleibt das hoffentlich auch! *böserseitenblickzudenbaubastarden*)

Der Araber an sich

Kurz nach acht geht es los, Rafik Schami betritt das Podest und beginnt zu erzählen. Und schon nach den ersten Sätzen hänge ich ihm gebannt an den Lippen . Und das, obwohl er „nur“ von seinen bisherigen Lesungs-Reisen erzählt. Das Publikum kichert, giggelt, lacht zwischendurch immer wieder. Schami weiß, wie er das Publikum in seinen Bann ziehen und für sich gewinnen kann. Nach der eher „trockenen“ Einleitung (wie gesagt, selbst die war schon ein Erlebnis!) begann er, zunächst über die arabische Welt zu erzählen. Wie ist „der Araber“ an sich so? Warum gibt es keine ausgeprägte Kunst in der arabischen Welt? Warum plappern die Araber so viel? Die „Kunst“ der Araber ist die Sprache – was Schami sehr bunt und plausibel und natürlich mit viel Witz und Augenzwinkern darstellt. Dann wird er kleinräumiger – Syrien. Natürlich kommt jetzt auch die aktuelle Situation mit Kämpfen gegen das Assad-Regime zur Sprache. Neben allen ernsten Untertönen schafft es Schami aber auch hier mit einem Augenzwinkern, dem Publikum einen Lacher zu entlocken.

„Facebook und das Internet“ spielten (spülten? Würden spielen?) eine große Rolle im „Arabischen Frühling“ – was mir bisher immer etwas übertrieben vorkam, wird mir durch Schami plausibel erzählt.

Erinnerungen

Dann – Damaskus. Vor inzwischen bereits vier Jahren war ich selbst dort, auf Chorreise, wir haben Mendelssohns „Paulus“ aufgeführt – quasi an Originalschauplätzen – und uns das Land mehr oder weniger intensiv angeschaut. An diesem Aufenthalt war nicht alles toll, doch insgesamt denke ich auch heute noch (vor allem heute!!) immer wieder einfach nur erstaunt „Boah!“ Womit habe ICH das verrdient, zu einem Zeitpunkt in diesem LAnd gewesen zu sein, zu dem es noch möglich war?

Besonders gern erinnere ich mich an die Geräusche und die Gerüche in Damaskus und überall im Land zurück. Auch sie waren nicht immer angenehm (oder was würdet Ihr sagen, wenn Euch ein nicht ganz stimmfester Muezzin morgens um halb fünf mit seinem trällernden Ruf weckt?), aber sie waren einfach so prägend! Wenn ich heute an Kardamom rieche, macht es *zack* und ich stehe in Gedanken wieder im Suq von Damaskus.

Das ganze Haus roch nach Anis!“

Gerüche spielen auch bei Schami eine Rolle, so erinnert er sich daran, dass es in seiner Straße immer unglaublich nach Anis roch – weil in den Häusern die Gewürze gelagert wurden und in seinem Haus lagerte eben Anis. Die Kinder um ihn herum beneideten ihn, denn es roch immer nach Bonbons. Aber der kleine Rafik fand das nicht so toll: „Es roch nach Bonbon zum Frühstück, Bonbon zum Mittagessen, Bonbon zum Abendessen…“ Wieder ein Lacher für Schami.

Er erzählt Geschichten aus seiner Kindheit, Legenden, die man in Syrien immer wieder hört, er erklärt die Entstehung von Sprichwörtern („Wir haben zusammen Scheich XY begraben!“ – leider weiß ich den Namen des Scheichs nicht mehr 😉 ), erzählt von seinen Eltern und seinen Großeltern, vor allem sein Großvater hat es ihm angetan. Seine Großeltern stammten aus Maalula, einem Dorf einige Kilometer nördlich von Damaskus – auch hier sind wir während meiner Syrienreise gewesen; einige Romane (naja, einer mindestens) Schamis spielen hier.

Während Schami also in der Aula der Uni Heidelberg steht und erzählt (die ganze Zeit ohne irgendein Manuskript; selbstverständlich LIEST er auch nicht.), entführt er mich und meine Mitzuhörer, jeden Einzelnen, in sein Heimatland, das er seit den 1970er Jahren nicht mehr betreten darf. Vielleicht kann ich mir alles ein bißchen besser als meine Mitzuhörer vorstellen, denn ich weiß ja, wie es in Damaskus, in Syrien aussieht, wie es riecht, wie es sich anhört. Aber meine Eindrücke stammen aus dem Jahr 2008. Schami erzählt von den 1950er Jahren, von seiner Kindheit in Damaskus. Trotzdem sind mir dieser Mann und seine Geschichten so nahe, wie ich es selten erlebt habe.

Als Schami mit seinen Erzählungen endet, brandet Applaus auf – völlig zu Recht. Ich war keine Sekunde lang gelangweilt. Ich hatte Spaß, obwohl nur meine Fantasie arbeiten musste. Ich habe einen wunderschönen Abend erlebt. Eigentlich wollte ich danach noch zu Rafik Schami gehen und ihm sagen, wie bezaubernd, im wahrsten Sinn des Wortes, ich den Abend fand. Aber ich habe mich nicht getraut – ich fürchtete, ich würde vor Rührung in Tränen ausbrechen.

Dann halt in diesem Internet: Danke, Rafik Schami! Sie wissen schon, wofür.

Was für ein Geschenk!

Ich wurde gestern reich beschenkt. Extrem reich. Mit einem sehr wertvollen Geschenk. Einem Geschenk, dass sich viele Menschen dieser Welt (naja, „unserer Gesellschaft“) wünschen – und gestern hab ich es bekommen. Doch nicht nur ich, sondern weitere sieben Milliarden Menschen. Ein Geschenk, das sich nicht mit Geld aufwiegen lässt. Und ich habe das Geschenk nicht angenommen. Und Du?

Uns wurde gestern von wem auch immer (von der ganzen Welt? Gemeinschaftsgeschenk von Erde und Sonne? Von Julius Cäsar? Von Papst Horst, dem Dritten?) ein Tag geschenkt. Ein ganzer Tag, 24 Stunden.

Gestresste Leute hätten aufjubeln müssen, denn sie bekamen das, wonach sie immer lechz(t)en – Zeit. 24 Stunden, die uns – anders als bei der Sommer-Winterzeit-Umstellung – nicht mehr genommen werden können. 24 Stunden zusätzlich. Mehr. Plus.

Und was machen wir daraus?

Einen pupsnormalen Arbeitstag mit den gleichen schnöden Ritualen wie jeden Tag (Kaffee, hastiges Frühstück, morgendlicher Berufsverkehr, ab ins Büro/Firma/G’schäft, da unsre 8, 9 Stunden abarbeiten, heimkommen, Fernseher an, nebenher essen und den deutschen Fußballern beim Verlieren zuschauen).

Ist das nicht eine Schande?

Ein so großartiges Geschenk lassen wir mehr oder weniger ungenutzt an uns vorbeiziehen. Ohne daraus etwas Besonderes zu machen: Den Tag mit Freunden oder Familie zu verbringen und zu feiern, wegfahren, grillen, Torte essen – all das, was man an einem Feiertag so macht. Ich packe mich an die eigene Nase. Denn an mir zog der Tag auch nur so vorbei. Highlight war die Chorprobe am Abend – die aber jeden Mittwoch stattfindet. Gearbeitet hab ich – zwar zu ner anderen Zeit als sonst, aber ansonsten auch nicht weiter erwähnenswert. Für meine Diplomarbeit hab ich was getan – am Ende bin ich vielleicht froh um diesen einen Tag mehr. Vielleicht kann ich ja den Tag nach meiner Abgabe als Schalttag nachholend feiern.

In vier Jahren haben wir wieder die Wahl: Ein so großartiges Geschenk – 24 Stunden mehr Zeit – ignorieren? Oder eine Riesenparty feiern?

Quelle: wissen.dradio.de